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"What you see is what you get"
Carolin Jörgs "Jalouse"-Serie.

"Jalouse" ist ein Ausflug in die Welt der Mode im Din-A6-Format. Auf den nach Werbeseiten aus Modemagazinen gezeichneten Blättern räkeln sich makellose Models, präsentieren sich die neuesten Handtaschen- und Schuhkollektionen sowie die Namen und Logos der großen Modeikonen - Dolce&Gabbana, Gucci, Versace, Chanel... Was wie locker aus der Hand skizziert erscheint, verbirgt eine tiefe Auseinandersetzung mit den Inszenierungsprozessen unserer Zeit - der Werbestrategien, die uns permanent eine sorgenfreie Parallelwelt zu vermitteln versuchen, in welche problemlos durch den Erwerb eben dieses Duftes oder eben jener Stilettos hinübergewechselt werden könne.

Die Zeichnungsserie "Jalouse" entstand während eines Stipendienaufenthalts Carolin Jörgs an der Ecole Supérieure des Beaux-Arts in Paris, der Hauptstadt der Mode, in der man sich angesichts der scheinbar immer perfekt gestylten und stets dem Anlass gerecht gekleideten Pariser schnell deplaziert und fremd fühlen kann. Mode spielt in Paris eine entscheidende Rolle, während man als Modeinteressierte(r) in Deutschland schnell Gefahr läuft für oberflächlich und eitel gehalten zu werden. Hier scheint sie die unwichtigste Nebensache der Welt zu sein und was [Walter Benjamin] in seinem "Passagenwerk" 1940 schrieb "Wer die Mode zu lesen verstünde, der wüsste im Voraus nicht nur um Strömungen in der Kunst Bescheid, sondern auch um neue Gesetzbücher, Kriege und Revolutionen", scheint heute kaum noch jemanden zu interessieren. Mode in Deutschland ist irgendetwas, das mit dem Alltag nichts zu tun zu haben scheint und allenfalls in Form von "Bekleidung" Einzug in die Lebenswelt erhält.

Dabei ist "Mode" viel mehr als bloß der Stoff auf unserer Haut. "Mode", so heißt es in einem großen Internetlexikon, "bezeichnet die in einem bestimmten Zeitraum und einer bestimmten Gruppe von Menschen als zeitgemäß geltende Art, bestimmte Dinge zu tun, Dinge zu benutzen oder anzuschaffen, sofern diese Art, etwas zu tun, nicht von großer Dauer ist, sondern im Verlauf der Zeit infolge gesellschaftlicher Prozesse immer wieder durch neue - dann als zeitgemäß geltende - Arten revidiert wird [...]." Demzufolge bezeichnet "Mode" ein bestimmtes gesellschaftliches Verhalten, dass zwar Veränderungen unterworfen ist, aber gerade dadurch ihre ordnende Regelmäßigkeit erhält und sie zu einem Seismografen der Gesellschaft macht.

So ist es nicht die Kleidung als solche, die in Paris den Unterschied macht, sondern eine bestimmte Art und Weise in der ursprünglichsten Bedeutung des Wortes "Mode". Und so ist es auch nicht das makellose Model aus der Werbeanzeige mit der begehrten Prada-Tasche am Arm, welches den Neid erregt, sondern vielmehr das Dahinter, die Parallelwelt, in welche eben nicht so ohne weiteres hinüberzuwechseln ist, auch nicht mit dem entsprechenden Kontostand.

Es ist eine bestimmte Art und Weise zu Leben, sich zu artikulieren und sich innerhalb der Gesellschaft zu positionieren und somit eine Frage des Stils - von der Werbung inspiriert und nicht diktiert - und der Kreativität.

In Carolin Jörgs "Jalouse"-Serie geht es nicht um den Glamour und Luxus der Bekleidungsindustrie, den ihre saloppen Zeichnungen keineswegs widerspiegeln, sondern um eine Suche nach Individuation, die sich den jeweiligen modeförmigen gesellschaftlichen Veränderungen anpasst - insofern als dass sie den sozialen Anerkennungsrahmen erfordert. "Mode" bedeutet für sie nicht makellose Inszenierung, sondern vielmehr Selbstrepräsentation, verbunden mit der Artikulation sozialer Zugehörigkeit.

In ihren Videoarbeiten, die zur selben Zeit in Paris entstanden, wird das noch deutlicher. Ausgangspunkt ist immer eine Werbeseite aus einer Modezeitschrift. Carolin Jörg verfremdet diese, indem sie sie im unendlichem Loop mit Tusche zu verändern beginnt. So fließen Tränenseen aus den Augen der Models, ihnen wachsen Hörner, Geschwülste auf der Haut, Falten ziehen sich über das Bild, bis es sich schließlich in einem einzigen Alptraum aufzulösen scheint. Das schöne Gesicht ist verschwunden, es bleibt ein schwarzes Loch, das sich aber sogleich wieder in das zarte unberührte Wesen verwandelt. Die Transformation beginnt von Neuem, ein unaufhaltsamer Fluss, indem der taumelnde Betrachter keinen Halt finden wird. Ebenso wenig wie in einer sich ständig verändernden Gesellschaft, deren Abbild schließlich die Mode ist, alles andere als oberflächlich, vielmehr "eine ganz bestimmte Form einer je partikulären und wechselnden Selbstrepräsentation der Gesellschaft in der Gesellschaft." (Thomas Khurana "Rotation. Immer nur das eine, immer nur das andere. Elena Espositos Buch über die Paradoxien der Mode". In: Texte zu Kunst November 2004, Heft 56 "Mode", hrsg. von Isabelle Graw, S. 166 ). Einer Gesellschaft, in der wir jede Saison aufs Neue unseren Platz finden müssten.

[Mahret Kupka], April 2007